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Emotionale Kartierung des Stadtraums – Ergebnisse einer Exploration mit ambulatorischem Assessment

Jorgos Papastefanou, gesis-ZUMA, Mannheim

 

 

Hintergrund

 

Im Oktober 2007 wurde eine Untersuchung mit Teilnehmern von Stadtrundfahrten durchgeführt. Hierbei handelte es sich um Stadtrundfahrten, die jeweils Freitags und Samstags vom Tourismusbüro Mannheim gegen ein geringes Entgelt angeboten werden (von Mai bis Oktober des Jahres). Nach Genehmigung seitens der Geschäftsführung fand sich der Versuchsleiter jeweils zu Beginn der Standrundfahrt am Ausgangspunkt am Wassertum ein, wurde kurz den Teilnehmern vorgestellt. Der Versuchsleiter erklärte knapp das Ziel der Untersuchung als Analyse der Wahrnehmung und Beurteilung der Attraktivität der Stadt Mannheim und bat um freiwillige Mitwirkung. Diese Mitwirkung bestand darin, dass die Teilnehmer ein smartband tragen, sowie einen GPS-Logger mit push-to-log-Funktion ausgehändigt bekamen. Das smartband (Version 1) sollte am nicht-aktiven Handgelenk getragen werden, es würde einige Körperfunktionen wie z.B. Puls aufzeichnen. Mit dem push-to-log-Knopf sollten die Teilnehmer Punkte für ihrer Meinung nach besonders interessante Örtlichkeiten bzw. Momente während der Stadtrundfahrt durch Drücken des Knopfes markieren. Es wurde ihne erklärt, dass der GPS-Logger parallel die genaue georgrafische Positon aufzeichnen würde. Die Akzeptanz des smartbandes und des GPS-Loggers war, nur in zwei Fällen wollten Teilnehmer kein smartband tragen.

 

Ergebnisse

 

Im Diagramm 1 sind die Hautwiderstandsreaktion von 10 Teilnehmer abgebildet, die an Stadtrundfahrten in Mannheim im Oktober 2007 teilgenommen, am linken Handgelenk ein smartband, sowie einen GPS-Logger getragen haben.

 

Abb 1: Hautwiderstandsreaktionen im Verlauf von Stadtrundfahrten in Mannheim

 

 

Die individuellen Hautreaktionen, mit dem smartband sekundenweise in Millivolt gemessen, sind zunächst um Artefakte, die durch unwillkürliche Bewegungen entstehen können bereinigt worden. Die Bereinigung ist auf der Basis einer linearen Regression der individuellen Voltwerte auf Beschleunigungswerte in zwei Raum-dimensionen vorgenommen worden.

Die um die Beschleunigungseffekte bereinigten Voltwerte wurden z-transformiert, und zwar am Gesamtmittelwert der Stadtrundfahrt.

 In einem anschließenden Aufbereitungsschritt wurden die transformierten Werte individuell mit einem moving-average-Algorithmus (bei einem Fenster von 60 Sekunden) geglättet. Diese Werte sind im o.g. Diagramm dargestellt.

 

Man kann beobachten, dass im Verlauf der Stadtrundfahrt es zu verschiedenen Zeitpunkte und Episoden länger und kürzer anhaltende Hautreaktionen gegeben hat.

Bei diesen Hautreaktionen, die man im Diagramm als Phasen mit fallenden Werten beobachten kann, handelt es sich um Episoden mit steigender sympathischer Erregung, die man aufgrund der psychophysiologischen Forschung in diesem Kontext als Orientierungsreaktion bezeichnen kann (Lit). In alltäglichen Situationen geht diese Reaktion einher mit einer Reaktion wachsenden Interesses.

 In diesem Sinne kann man anhand der Hautreaktionen Phasen steigenden und fallenden Interesses unterscheiden.

Wie man sieht, wird in den ersten 10 Minuten der Stadtrundfahrt, die von einem Reiseführer mit mündlichen Berichten und Hinweisen begleitet wird, ein deutliches Aufmerksamkeitsniveau hergestellt. Dieses flacht dann wieder ab, gefolgt von kleineren und größeren bzw. längeren und kürzeren Aufmerksamkeitsreaktionen. Auffällig ist, dass zwischen der 44. und der 70. Minute eine eher  entspannte Phase war. Die Zeit von ca. der 74  Minute bis kurz vor dem Ende der Rundfahrt nach ca. 2,5 Stunden war offenbar mit einem intensiven Wechsel zwischen Entspannung und Aufmerksamkeitssteigerung gefüllt. Zwischen der 96. und der 106 Minute erreichte die Aufmerksamkeitsmobilisierung die relativ größten Werte während der Stadtrundfahrt. Schließlich gab es ganz am Ende einen weiteren kurzfristige Spannungsanstieg.

 

Es liegt auf der Hand, dass diese sukzessiven Veränderungen des Hautwiderstandes, die auf Veränderungen der Aufmerksamkeit und der intradermal indizierten Spannungssteigerungen , mit den Orten in Verbindung stehen, die die Teilnehmer während der Stadtrundfahrt in Begleitung des Reiseführers, aufgesucht bzw. passiert haben.

 

Um diese naheliegende Vermutung zu unterfüttern,  müssen die zeitlichen Verlaufsdaten in einen räumlichen Zusammenhang gebracht werden, und zwar in den während der Stadtrundfahrt befahrenen Strecke in der Innenstadt Mannheims.

Diese Verräumlichung der Spannungsveränderungen während der Stadtrundfahrt ist folgendermaßen vorgenommen worden.

Zunächst wurden von ca. 4300 Wege- und Zeitpunkten, die die Strecke ausmachen, jene ausgewählt, an denen ein maximaler bzw. ein minimaler Hautwiderstandswert gemessen worden sind. Diese sind im Diagramm mit roten (Minimum) bzw. mit grünem (Maximum) markiert worden. Damit werden also die Episoden steigender Spannung bzw. Interesses mit ihren Anfangs- und Endpunkten  markiert.

Diesen episodenindizierende Werte können über Zuspiel der entsprechenden geografischen Koordinaten (die simultan mit GPS-Logger aufgezeichnet wurden) nurn räumlich verortet werden. Hierzu bedienten wir uns der Google Earth ...? [mir fehlt hier die richtige Verwortung].

 

In der folgenden Abbildung, die ein Standbild der Google Earth Darstellung ist, sieht man die einzelnen Episodenwerte als Wegpunkte mit einem extrudierten Symbol markiert. Die Höhe der Extrusion ist proportional zum gemessenen relativen Hautwiderstand. Allerdings sind die negativen z-Werte (und aus Vergleichsgründen auch die positiven Werte) um den Faktor (..+2)*100 verändert worden, um sie geografisch als Höhen über der Planfläche darstellen zu können.

 

Abb. 2: Markierte Anfangs- und Endpunkte von Episoden sich steigernden Hautwiderstands

 

Man kann in der obigen Abbildung relativ deutlich sehen, an welchen Stellen der Standrundfahrt, Phasen sich steigernder  Aufmerksamkeit ergeben haben. Um diese zu identifzieren, muss man die im Zahlenwert korrespondierenden grünen und roten Ziffern aufeinander beziehen. Auf diese Weise sieht man, dass die erste Phase der Aufmerksamkeitsherstellung zwischen Wasserturm (wo die Rundfahrt begann) und Kurzpfalbrücke lokalisierbar ist.

Eine zweite Phase der erneuten Aufmerksamkeitssteigerung fand offenbar auf der Strecke von Mannheim nach Ludwigshafen, sowie dort auf der Rückfahrt nach Mannheim statt. Gefolgt von einer kurzzeitigen Spannungsteigerung am Eisstadion.

Mehrere bzw. ein Großteil der Aufmerksamkeitssteigerungen ergaben sich beim Besuch des Mannheimer Schlosses.  Nach dem Schloßbesuch ging die Fahrt zum Fernmeldetum. Die damit verbundene erwartungsvolle Spannung begann schon in einiger Entfernung vom Fernmeldeturm zu wachsen. Auf bzw. am Fernmeldeturm selbst gab es einige zusätzliche Reaktionsabschnitte mit erhöhter Aufmerksamkeitsspannung. Abschließend bleibt noch der Befund, dass auf der Rückfahrt zum Ende der Rundfahrt, nochmals eine Phase sich steigernder Spannung ergeben hat.

 

Insgesamt kann man mit diesen Daten relativ genau feststellen, an welchen Streckenabschnitten, und damit städtischen Räumen eine besondere Aufmerksamkeitsspannung aufgebaut worden war. Die Spannung war nicht während der gesamten Rundfahrt gegeben, sondern besonders zu Beginn, bei kurzen Queren des Rheins nach Ludwigshafen, am Eisstadion, hauptsächlich am und im Schloss und  auf dem Weg zum und am Fernmeldeturm.

 

Mit diesen Ergebnissen konnte gezeigt werden, dass nicht-willkürliche Körperreaktionen offenbar auf unterschiedliche stadträumliche Gegebenheiten sensibel reagieren. Es zeigte sich, dass sie erwartbar das Schloss und den Fernmeldeturm als besonders aufregende Örtlichkeiten indizierten. Die Ergebnisse zeigten jedoch Stadtkontexte als unwillkürlich interessant, die man nicht von vornherein erwartet hätte.

 

Abbildung 1
Abbildung 2